Wissenschaft ist keine Kunst
C. Hucho und D. Rapoport
(Auszug)
"Naturwissenschaften gehören nicht zur Bildung", schreibt Dietrich Schwanitz in seinem Bestseller "Bildung. Alles was man wissen muss". Sein Beweis ist autosuggestiv: Im gebildeten Gespräch am Buffet sei es zwar blamabel, klassische Musik für "durchweg zu laut" zu befinden, heitere Zustimmung jedoch erheische, wer offenbart, dass er das Ohm'sche Gesetz nicht kennt und im Übrigen von Naturwissenschaften nichts versteht. Diese Einstellung sei in "gebildeten Kreisen" derart weit verbreitet und akzeptiert, dass daraus getrost geschlussfolgert werden könne: Naturwissenschaften gehören nicht zur Bildung und mithin nicht zur Kultur.
Wie populär eine solche Meinung auch wirklich sein mag, der Wissenschafts-historiker und -journalist Ernst Peter Fischer sah darin eine so dramatische Missrepräsentation der Naturwissenschaften, dass er umgehend mit der Veröffentlichung eines Gegenopus "Die andere Bildung. Was man von den Naturwissenschaften wissen sollte" konterte. Darin versucht er die Wissenschaften durch anspruchsvolle Popularisierung in das Blickfeld des allgemeinen Kulturverständnisses zu rücken. Ein anderer Versuch, die Wissenschaften als kulturfähig zu rehabilitieren, findet sich etwa in dem Projekt "Kunst als Wissenschaft/Wissenschaft als Kunst". Hier scheint man zu hoffen, den Wissenschaften durch die Betonung ihres künstlerischen, kreativen Aspektes doch noch ein Hintertürchen in das Gebäude der Kultur zu öffnen.
Solcherlei wohlmeinendes Engagement verkennt die eigentliche Problematik. In der implizierten Auffassung, nur das Unterhaltsame der Wissenschaften sei kulturtauglich, erblicken wir einen verderblichen Irrtum, dessen Ursachen wir aufdecken wollen. Denn eigentlich scheint es uns unmittelbar einsichtig, dass die Naturwissenschaften zum Kanon menschlicher Kultur gehören. Wie aber kann es dann zu derlei Streitigkeiten kommen? Wir sind der Meinung, dass sie in der Verwechslung von Kultur und populärem Kulturverständnis ihren Ursprung haben. Diese Unterscheidung, deren Berechtigung wir später begründen möchten, bedeutet aber auch: 'Kultur' und 'Bildung' umfassen ungleich mehr, als es das allgemeine Kulturverständnis vermuten lässt. Das populäre Kulturverständnis umgreift allenfalls einen Schatten der Kultur.
(Der Text erschien in Gegenworte - Hefte für den Disput über Wissen, Nr 9. Er ist vollständig hier herunterladbar.)
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